20. Januar 2006
Gestern in der Fußgängerzone.
“Hallo Sie!”
“Äh, ich?”
“Genau, hätten Sie freundlicherweise etwas Zeit für mich?”
“Warum bitte schön?“
“Sie sollen mir sagen, ob Ihnen meine neue Webseite gefällt!”
“Na ja, wenn es denn nicht zu lange dauert. Ich muss nämlich noch ...”
“Nur fünfzig Millisekunden!”
“Wie?”
“Ja, Sie sehen also, es geht alles blitzschnell!”
“Ich sehe nichts.”
“Doch, doch gleich. Geduld. Ich muss erst noch mein Laptop einschalten. So!”
“Fünfzig Millisekunden sind aber verdammt wenig.”
“Jetzt gehts los. Achtung! Und zack. Na?”
“Ich hab nichts gesehen.”
“Wieso?”
“Na ja, das ging doch viel zu schnell, außerdem ...“
“Okay, dann gleich noch einmal. Achtung! Jetzt! Und. Was haben Sie gesehen?”
“Gelb.”
“Hat es Ihnen gefallen?”
“Ich mag kein Gelb! Und nach so einem kurzen Moment kann man doch gar nicht wissen, ob es einem gefällt oder nicht.”
“Doch, doch man kann. Das haben kürzlich kanadische Wissenschaftler in einem Experiment nachgewiesen.”
“Ach?”
“Ja. Dort hatten die Leute auch nicht mehr Zeit als Sie, um zu entscheiden, ob Ihnen eine Seite optisch zusagt oder nicht.”
“Vielleicht hatten die in Kanada andere Seiten oder einen anderen Computer?”
“Das ist doch egal.”
“Egal? Mir ist nicht egal, ob mir etwas gefällt oder nicht. Meine Frau zum Beispiel ...”
“Nein, es ist natürlich nicht egal, ob Ihnen etwas gefällt oder nicht. Aber es ist völlig egal, was Sie sehen, um zu entscheiden, ob es Ihnen gefällt oder nicht.”
“Ach so.”
“Eben.”
“Und das in nur ...“
“... 50 Millisekunden. Genau!”
“Vielleicht waren das eben gar keine 50 Millisekunden, sondern weniger.”
“Nein, nein. Das steuert der Computer schon ganz genau. Aber vielleicht sollte ich Ihnen doch etwas mehr Zeit gönnen?”
“Gerne, aber ... “
“Gitte Lindgaard, so heißt die Dame von der Carleton Universität in Ottawa nämlich, hat ihren Versuchspersonen zunächst auch mehr Zeit gelassen.”
“Sehen Sie!”
“Okay, dann wird Ihnen die Webseite jetzt eine halbe Sekunde lang gezeigt. Aufgepasst. Und?”
“Immer noch gelb.”
“Sonst haben Sie nichts weiter gesehen?”
“Na, ich kenne Ihre Seite doch gar nicht."
“Eben, aber nur der erste Augenblick entscheidet darüber, ob der Nutzer die Webseite positiv empfindet, dort länger verweilt, um zum Beispiel etwas zu kaufen oder so ...”
“Apropos kaufen, ich muss noch ...“
“... das haben die Psychologen herausgefunden!”
“Ach so.”
“Ja. Was haben Sie denn nun empfunden?”
“Wenn Sie mich so fragen. Nichts!”
“Sie würden sich meine Seite also nicht länger anschauen wollen?”
“Das kann ich noch nicht endgültig beurteilen, dafür habe ich ja zu wenig gesehen, aber das sagte ich ja bereits. Wenn der erste Eindruck blau gewesen wäre, dann vielleicht schon. Ich mag Blau!”
“Ach?”
Labels: Webdesign
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